Mein „AVONTUUR“ mit TIMBERCOAST – Shipmate Eric

Das erste Mal über den Atlantik an Bord des Frachtsegelschiffes Avontuur – aus dem Tagebuch unseres Shipmate Eric.

 

Samstag, den 6. Januar, Tag der heiligen drei Könige

 

Um 7.00 Uhr versammeln wir uns alle an Deck. Michael Vogelgesang, unser Kapitän, Heidi, 1. Offizierin, Anika, 2. Offizierin, Klaus, Bosun, Benjamin, Andreas und Silvain, Decksmänner, Georg, der Koch und wir Shipmates: Margaux, Jan, Raphael, Kathlin, Lilli, Christian, Marvin und ich.

 

Um 8:00 Uhr fahren wir aus dem Hafen in La Rochelle hinaus und ich bin beeindruckt, wie präzise dies mit unserem 44 Meter Gaffelschoner und seinem langen Bugspriet gelingt. Denn Raum ist nicht viel im Hafenbecken, um die Avontuur mit dem Motorbeiboot 90 Grad in Richtung Hafenausfahrt zu drehen. Doch es gelingt. Unsere Gallionsfigur „Else“ vorneweg, fahren wir unter Motor hinaus in die Biskaya. Der Zeitpunkt ist günstig gewählt, es weht kaum ein Lüftchen. Der Wind, der seit Tagen aus Westen heftig geblasen und unsere Abfahrt verzögert hat, ruht und wird uns bald von Nordost kommend die Segel füllen. Ich frühstücke eine Kleinigkeit und lege mich wieder schlafen. Denn ich bin in die 024 eingeteilt, die Wache, die von 0.00 bis 4.00 und 12.00 bis 16.00 ihren Dienst versehen muss. Und wenn ich Eines inzwischen gelernt habe, dann, dafür Sorge zu tragen, dass man auf diesem Schiff zu ausreichend Schlaf kommt.

 

Um 11.00 Uhr verlasse ich unsere im Bug befindliche Kajüte, bei uns Fuchsloch genannt, durch die darüberliegende Lucke mit einem durch das starke Schwanken des Schiffs hervorgehobene Gefühl von Schwindel und Übelkeit und – BOOM! – WOW! WOW! vor mir das Schiff, schräg nach unter abfallend, dahinter und daneben Wasser, Wasser, Wasser im ständigen Wechsel seiner Gestalt. Der spektakuläre Eindruck entsteht, durch die Seekrankheit verstärkt, weil sich das Schiff gerade eine hohe Dünung hinaufarbeitet während sich hinter dem Schiff die eben überwundene auftürmt. Wie bei einer Berg- und Talfahrt geht es auf und nieder, man sieht entweder nur Himmel oder Meer. Ich blicke in eine Welt sich ständig ändernder Wellen, in der alle Form fließt und alle Linien nicht mehr sind, was sie eben noch waren; sie zerfließen oder zerreißen in Gischt und lösen sich im Himmel auf. Es knallt mich regelrecht um, so dass ich mich erstmal setzen muss. Überwältigend! Der Eintritt in eine neue Wirklichkeit.

 

 

Mittwoch, den 10. Jan. 2018

 

Beim Öffnen der Lucke erwarten mich Sonne und Schaum. Das Meer ist weiß. Windstärke zehn bis elf. Absolut faszinierend! Ich bin dankbar dies sehen zu dürfen. Wie oft schon habe ich es mir bei Sturm am Ufer stehend vorgestellt. Jetzt bin ich mittendrin. Fast den gesamten Tag verbringe ich an Deck und schaue hinaus auf die aufgewühlte, beständig Gischt spritzende See. Was ein wilder Ritt mit unserem Schiff! Was ein auf und ab, was ein hin und her! Manchmal brechen sich die Wellen über dem Schiff und wir werden geduscht. Pitschnass sind wir. Ein Brecher reist beinahe das Beiboot mit sich als er auf uns niedergeht. Gut eingepickt zu sein! Die Vögel jedoch, die uns seit dem Morgen verstärkt begleiten, gesellen sich ganz entspannt neben dem Boot im Windschatten auf das Wasser und lassen sich bis zu sieben Meter in die Höhe tragen. Das Festland taucht bald auf, die schützende Bucht ist nahe.

 

Wir ankern in der Bucht von Cariňo. Angenehme Ruhe und Erleichterung machen sich breit. Es gibt Lasagne und heimelig scheinen die Lichter um uns herum zu uns hinunter von den Bergdörfern aufs Wasser. Kein Wachdienst heute.

 

Samstag, den 27. Januar 2018

 

Yeah, here weg go! And yes, we sail! Von La Palma fort mit neun Knoten allein durch Schoonersegel im zweiten Reff und Vorsegel bei Windstärke sechs. Gleich kommt noch der äußere Klüver raus. Die See treibt uns mit hohen Wellen weiter hinaus, hinaus auf den Atlantik, noch nach Süden, bald nach Westen. Bei dieser Geschwindigkeit, wären wir in vierzehn Tagen in Guadeloupe. Aber die werden wir nicht halten können, sie ist auch den besonderen Bedingungen rund um die Kanaren geschuldet. Der Termin mit den anderen Schiffen ist am 18. Februar. Das sind 22 Tage und bei fünfeinhalb Knoten im Durschnitt machbar. Wir werden sehen. Heute jedenfalls war ein großartiger Segeltag. Sie Stimmung ist prima und das Essen ist es auch.

 

Sonntag, den 28. Januar 2018

Ich bin unsagbar müde, weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal körperlich so erschöpft gewesen bin. Glücklicherweise hat der Seegang nachgelassen. Der gestrige Tag, die gestrige Nacht, und auch der heutige Vormittag hatten es in sich und eine Erholung von den letzten drei Wochen Biskaya und entlang der portugiesischen Küste zuvor hat in Santa Cruz bei all dem Frachtgewuchte nicht stattgefunden. Ich bin immer ganz begeistert von den hohen Wellen und habe meinen Spaß durch sie hindurchzusteuern aber es zehrt auch an den Kräften, wenn der Körper permanent derart in Bewegung ist und jede kleine Handlung, vom Zähneputzen bis zum Zwiebelschneiden eine sportliche und artistische Angelegenheit wird. Den anderen geht es nicht besser. Ich habe zumindest ein paar Stunden schlafen können, im Schlaf und am Steuer genieße ich den Seegang am meisten. Gut das heute Sonntag ist und wir von extra Decksarbeiten freigestellt sind. So musste ich nur eine Stunde steuern, Hedi in der Kombüse zur Hand gehen und zwei Segel setzten. Ansonsten versuche ich zu Ruhen, mich auszustrecken und zu entspannen. Immerhin habe ich mich heut noch rasiert bevor ich zur Captains Reception gegangen bin, bei der es Kakao mit Rum und Kuchen gab, die Sonne schien und alle ziemlich müde dreingeschaut haben.

 

 

Monday, February 12, 2018

The last night watch on the Atlantic. There are only a few nautical miles to Guadeloupe and we know for sure today that we will anchor in the bay of Saint-Louise on the island of Marie Galante. Seagrass is increasingly swimming on the waves and the first radio messages are coming in again. A special kind of experience comes to an end. I am very happy that we have sailed the entire 2534 nautical miles without any engine power. And we only needed 16 days.

 

Best regards,

Eric Schwabach


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