Mein „AVONTUUR“ mit TIMBERCOAST – Shipmate Martin Gutsch

Sanft schaukelt die Avontuur auf der langen, ruhigen Atlantiküberquerung. Mit jedem Heben und Senken schieben wir uns  beständig vorwäts – dem Ziel ein Stück näher: Horta auf der Azoreninsel Faial. In der Sonne glitzern die Wellenkämme und während die Wache auf dem Achterdeck das Schiff steuert, schlägt Bootsmann Mircea auf dem Bugspriet den reparierten Innenklüver wieder am Stag an. Vom Ruder klingt leise Musik herüber, sonst gibt es nur das zu hören was ein Segelschiff in Fahrt ausmacht: das Pfeifen des Windes in den Segeln, hier und da ein knarzendes Tau oder das Geräusch der Mastringe, die wie hölzerne Finger in Erwartung auffrischender Winde ungeduldig auf die Masten trommeln und dann Rauschen. Das immer fort atmende Rauschen der Wellen. Halb zehn an Bord des einzig segelnden Frachtschiffs unter deutscher Flagge. Die letzte Wache hat gerade das Großsegel gesetzt und den Schoner ausgerefft um wieder mehr Fahrt zu machen, denn unser Ziel ist nach inzwischen ca. 3 000 Seemeilen in Fahrt nur noch 400 Meilen entfernt. Kapitän Heiner treibt ein paar Shipmates, die gerade neue Zeiser anfertigen, mit einem Scherz zur Arbeit an und alles an Bord kündigt einen entspannten Tag an. Soviel zur Idealvorstellung einer Segelreise aber die Fahrt an Bord eines Segelschiffs ist in den seltensten Fällen nur eine Reise von A nach B und ein Tag wie heute alles andere als normal. Denn meist braucht es ein paar Buchstaben mehr und einige Umwege um das Ziel zu erreichen – hier auf dem Nordatlantik.

Zu Beginn der Überfahrt von Havanna nach Horta begleiteten uns täglich sommerliche Temperaturen und strahlender Sonnenschein, der den Neuankömmlinge zuerst die Freude beschert dem Winter in Deutschland entkommen zu sein und kurz darauf ordentlichen Sonnenbrand. Die erste Woche vergeht während wir, Kuba im Rücken, gegen die vorherrschend nördlichen Winde die Straße von Florida hochkreuzen. In häufigen Wenden machen wir uns mit dem Schiff vertraut und bald gelingen uns die Manöver ohne Mühe. Der Rhythmus des Schiffs legt sich derweil beruhigend auf die Besatzung. Jeder weiß in Kürze was wann zu tun ist. Zwei Wachen alle 24 Stunden teilen den Bordalltag in Arbeits- und Ruhephasen und während zu den Mahlzeiten die gesamte Crew zusammen kommt, kann abseits der Wachen jeder selbst entscheiden was er mit seiner Zeit anfängt. Es wird viel gespielt, geredet und gelacht an Bord. Das Essen ist dabei ein ganz zentrales Thema. Egal ob es darum geht, was man als erstes essen will wenn man wieder an Land kommt oder wie gut die Restaurants in der Heimatstadt sind. Von Zeit zu Zeit setzt man sich nach der Wache für einen Filmabend gemeinsam in die Kombüse. Gelegentlich wohl auch, weil dies die einzige Chance darstellt an Popcorn zu kommen. Oft kann man aber auch Gesprächen über die Zukunft, Träume oder mitunter Wahlprogramme der einzelnen Crewmitglieder lauschen. Schnell lernen wir die eingängigen Traditionen der Seefahrt schätzen und lieben. Am Donnerstag, Seemannssontag genannt, und am regulären Sonntag gibt es beispielsweise Eier zum Frühstück. Das lockt dann sogar die morgens noch verschlafene Mitglieder der 0-4 Wache aus den Federn. Eine eigene Zeitrechnung etabliert sich so parallel zum normalen Kalender, der Schritt für Schritt an Bedeutung verliert je länger wir auf See sind.

Als wir schließlich die Straße von Florida verlassen und in einem weiten Bogen auf den Großkreis einschwenken, der uns auf dem kürzesten Weg über den Atlantik leiten soll, ist bereits die zweite Woche auf See angebrochen. Die Suche nach konstantem Wind beschert uns wunderschöne Tage und atemberaubende Sonnenuntergänge. Die Menge der geschossenen Bilder reicht mit Sicherheit um all unsere Segel flächig zu tapezieren. Immer wieder beschenkt uns das Schicksal durch die Besuche von  Delfinschulen oder vereinzelten Walen. Für immer im Gedächtnis wird mir ein Buckelwal bleiben, der in einiger Entfernung aus den Wellen sprang, seine Schwanzflosse aufs Wasser schlug und uns sogar mit seinen massigen Brustflossen applaudierte. Nur langsam beginnen wir Strecke Richtung Horta zu machen. Der Wind ist unstetig und das Datum der Ankunft verschiebt sich immer weiter nach hinten. Es scheint, die Bermudas wollen uns nicht recht vorbei lassen.

Die Avontuur, auf der wir uns nun langsam von der amerikanischen Ostküste entfernen, trägt auf ihren 43,5m ein kleines Universum an Möglichkeiten mit sich übers Meer. Klein zwar aber dennoch ein ganzes Universum. Die verschiedenen Gewerke an Bord bieten ein breites Spektrum an Möglichkeiten und ob man sich dem Erlernen der Navigation, den vielfältigen Bootsmannsarbeiten oder der Verköstigung der Crew widmen will, steht und fällt dabei allein mit der Bereitschaft sich für das Schiff und seine Besatzung zu engagieren.  Je mehr man von sich und seinen Fähigkeiten hineingibt in diese schwimmende Gemeinschaft, desto mehr hält sie für einen bereit. Zu guter Letzt kommt das Engagement immer dem Schiff und seiner Besatzung zugute. So wartet auf uns am Ostersonntag eine ganz besondere Überraschung. Shipmate Marco hat auf 16 eingefärbte Osterei die Konterfeis der Besatzung gezeichnet. Wer seins findet, darf’s behalten. Viele Beispiele mehr kann man an Bord finden. Begnadete Bäcker, Techniker, Künstler und Zuhörer sind unter uns auf dieser Reise. Der Wind diktiert derweil die Reisegeschwindigkeit und so ist es tröstlich zu wissen, dass man ankommt – auch wenn nicht ganz klar ist wann.

 

Dann, Ende der zweiten Woche, passieren wir endlich die Bermudas und segeln immer weiter Richtung Norden – dorthin wo wir den Wind vermuten. Nun ändert sich das Wetter gravierend. Noch weiter nördlich überholen uns Tiefdruckgebiete in Wirbelsturmstärke und bringen neben viel Wind auch stürmische See und meterhohen Wellen mit. Auf Sonne folgt Regen, folgt Sturm, plötzlich drehende Winde sorgen dafür, dass wir immer wieder Segel bergen oder reffen müssen. Auf der elektronischen Seekarte sieht das so aus als hätte der Rudergänger versucht ein riesiges „C“ in den Nordatlantik zu schreiben – binnen weniger Minuten und unter vollen Segeln! Bei Windgeschwindigkeiten um die 30kn und mehr wird das Leben an Bord zu einer echten Herausforderung. Aufrecht gehen birgt so seine Tücken, stellt man etwas an einem Ort ab findet man es dort mitunter nicht wieder und wenn man mitten in der Nacht einfach nur kurz die Toilette besuchen will, kann einem schon mal unverhofft der Inhalt des Spülwassereimers über den Boden entgegen kommen. Dann heißt es Gummistiefel anziehen oder direkt leerpumpen. Denn grundsätzlich schafft die gewaltige Atlantikdünung alles in Bewegung zu versetzen, was nicht angeschraubt ist. Unter Deck in der Koje liegend, kann man eine Vielzahl ungewöhnlicher Geräusche hören und auch wenn man sich sicher sein kann, dass das Schiff nicht auseinanderfällt, schlafen wir manche Nacht recht unruhig. Wenn dann nach einer Sturmfahrt das Wetter wieder besser wird, beginnt der Tanz mit den Elementen von vorn. Das Ergebnis aber ist rauschende Fahrt. Bis zu 194 Seemeilen am Tag lassen den Abstand zum Ziel in den letzten Tagen nur so dahin schmelzen.

Wochenlang in einer so platzsparenden Gemeinschaft wie sie ein Schiff darstellt zu leben, mancher würde beengt sagen, birgt immer Chancen und Herausforderungen. Selten lernt man sich so schnell so gründlich kennen, kann und muss so sehr auf den anderen vertrauen wenn es beispielsweise darum geht gemeinsam Segel zu handhaben. Spannungen bleiben nicht aus wenn man kalt und tropfnass vier Stunden auf dem Achterdeck steht, das Klo Überschwemmt und dreckig ist oder man für die nächste Wache zu spät geweckt wird. Aber die Enge birgt gleichzeitig den Vorteil, dass  Spannungen nur schwer im Verborgenen bleiben können. Ganz anders als an Land wo man sich gut aus dem Weg gehen kann, kommen sie auf See schnell zum Vorschein und es bietet sich an offen darüber zu reden. Auch hier ist das Essen natürlich ein Dauerthema. Trotzdem, heute ist bereits der 25. Tag auf See und obwohl der letzte Apfel schon vor einiger Zeit die Speisekammer verlassen hat, führt die Besatzung dennoch täglich mit Vorfreude in die Kombüse ein und mit zufriedenem Grinsen wieder aus ihr heraus. Wir haben viel Glück mit unserer Köchin Hedi! Sie ist ein Grund dafür, dass die Stimmung an Bord so gut ist.
In wenigen Tagen laufen wir nun in Horta ein – die Wetten, an welchem Tag und wann genau, sind schon seit dem 1. April gesetzt – und so werden hoffentlich all die fleißig gehegten Träume dieser vierwöchigen Reise bald Wirklichkeit. Seien sie kulinarischer oder gänzlich anderer Natur.

 

-Martin Gutsch


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