MEIN AVONTUUR – SHIPMATE ANTJE

MEIN AVONTUUR – SHIPMATE ANTJE

Der lange Schlag.

Vera Cruz – Halifax, laut Planung 3 Wochen. Unrealistisch, nur mit viel Glück, eher 4 Wochen, Essen für 6 Wochen… so sorgen die verschiedenen Meinungen kurz vor der Abreise aus Mexiko für Spannung.

Los geht es am 15.4.2019 mit neuem mexikanischem Kaffee, Mezcal, einem Kapitäns- und Chiefmatewechsel sowie vielen neuen Shipmates an Bord. Als Erstes steht Deckputzen auf dem Plan, hatten wir doch im Hafen von Vera Cruz ein paar Tage neben einem Maismehl verladenen Frachtschiff gelegen, so dass einfach alles an Bord mit einer dicken Maisstaubschicht überzogen ist.

Die ersten Seetage im Golf von Mexiko mit wenig Wind verlaufen ruhig, wie schon auf der Hinfahrt beträgt die Luftfeuchtigkeit über 90%, wir beginnen mit der Gewinnung von Meersalz aus unserer Kleidung.


Die Ruhe wird bald von ordentlich Wind, Welle und Seekrankheit bei einigen Neulingen abgelöst. Dazu die tagelange Schräglage des Schiffes, Gehen, Stehen, Schlafen, Kochen, selbst Sitzen beim Essen in der Galley sind einfach nur noch anstrengend für alle.

Aber wenigstens geht es schnell voran, die Fahrt aus dem Golf von Mexiko scheint fix zu gelingen. Und dann kommt der Ostersonntag. Und eine ganze Woche dazu. In der einfach nichts geht. Flaute, Wind aus der falschen Richtung, die falsche Strömung, Wende um Wende und Tag für Tag vergehen, ohne dass ein wirkliches Vorankommen möglich ist. Dafür werden die warmen und sonnigen Tage auf dem Schiff für Decksarbeiten als auch zur Erholung genutzt.

Es gibt wieder sonntägliche Captain’s Receptions sowie nachmittägliche Workshops von Astronavigation bis Teikei Coffee. Dann endlich gelingt mit dem Golfstrom die Fahrt durch die Straße von Florida und als Entschädigung für die letzte zähe Woche geht es mit einem erneuten Speedrekord über 24 Stunden, 233 Seemeilen, einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 9,7 Knoten Richtung Norden.

Wir preschen mit ordentlich Welle an der weit entfernten Skyline von Miami und Palm Beach vorbei, von Hubschraubern und einem Militärjet freundlich interessiert aus der Luft beobachtet. Anfang Mai wollen wir dann einen nächtlichen Raketenstart zur ISS zufällig in genau einer Stunde Entfernung vor der Küste von Cape Canaveral  erleben, leider kommen die amerikanischen Raketenforscher nicht so gut mit dem Wind zurecht wie wir, der Start wird verschoben.

Noch haben wir nach gut zwei Wochen nicht alle Wetter erlebt. Es wird merklich kühler. Heftige Regenschauer lassen nur die Wache an Deck zurück, der Rest der Mannschaft verzieht sich unter Deck.

Betrug die Wassertemparatur im Golfstrom lange Zeit 25 Grad, sinkt sie nun von einem Tag auf den anderen auf 15 Grad. Morgens, mittags, nachts, man kann sich darauf verlassen, bei Manövern leeseitig bis zu den Knien, manchmal auch höher im kalten Wasser an Deck zu stehen. Mal eben den Preventer vom Main etwas dichter holen – nass bis zum Knie. Auf dem Weg in die Koje oder zu Wachbeginn auf dem Weg zum Heck – Spraykomplettdusche von oben. Alte, an Bord zurückgelassene Gummistiefel sind plötzlich heiß begehrt, auch wenn sie sowieso von oben volllaufen werden. Ab jetzt heißt es, seine schon nassen und auf Tage nicht mehr trocknenden Klamotten und Schuhe geschickt zum nächsten Einsatz zu bringen und wenigstens irgend etwas Trockenes im Spind zu behalten.


Und dann kommt das Unwetter. Nächtlich, heftig, mit weit entfernten Blitzen und sehr viel Wind, Welle und Regen. Die 0-4 Wache steht plötzlich in gleißendem Licht und sieht für kurze Zeit erstmal nichts, als ein Blitz in unmittelbarer Nähe, vielleicht sogar im Mast, einschlägt. Auch unter Deck schläft keiner. Alles geht gut, aber nochmal muss man das nicht haben. Aber am nächsten Tag geht es mit Windstärke 8 und vier bis fünf Meter hohen Wellen weiter. Am nächsten Tag beruhigt sich das Wetter, hat aber Schäden an den Segeln hinterlassen. Mit tagelangem Flicken kann einiges repariert werden, anderes muss bis Halifax warten.


Nachts um 3:30 Uhr, „Wake up call – zieh alles an, was du hast!“. Wer springt da nicht freudig aus der Koje, um bei einer Lufttemperatur von 4 Grad, Wassertemperatur 4 Grad, Windstärke 5 seine vierstündige Wache bei einer gefühlten Temperatur von -5 Grad zu erleben? Wobei sich Außentemperatur und Temperatur an Bord nicht mehr unterscheiden. Es erfolgt das tägliche Abgleichen der getragenen Klamottenschichten, obenrum sieben, untenrum  vier… Nur Niki wartet noch mit dem Einsatz seiner langen Unterhose für wirklich kalte Tage.

Wiedermal Flaute. So kurz vor Halifax braucht das natürlich keiner. Dafür werden die Wünsche an Bord immer intensiver, ganz oben stehen eine heiße Dusche, frisch gewaschene Wäsche, wärmere Klamotten, ein normales Bett und Schokolade. Ein Whirlpool – wieso das denn, wir hatten doch so viel Wasser an Deck?, Pommes, Glühwein, dass Bremen wieder mal gewonnen hat, dass jemand im Hafen auf einen wartet… sind dann schon speziellere Wünsche.


Dann endlich, nach wieder einigen Tagen und Nächten mit einer Geschwindigkeit von nur einem Knoten und danach heftigem Wind und Welle aus Richtung Halifax erreichen wir am 14.5.2019 tropfnass und zur Abwechslung mal mit Hagel endlich Halifax. Nach gut vier Wochen. Und genießen erstmal den erstklassigen Service der Seefahrermission und tatsächlich eine heiße Dusche und einen Whirlpool im WESTIN Hotel.

 

-Shipmate Antje 

Text und Fotos Antje 

 

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